New York Sommermörder: Neun Krimis auf 1203 Seiten

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker, 2017.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

New York Sommermörder: Neun Krimis auf 1203 Seiten

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Tod eines Schnüfflers

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Milo Tuckers Grab

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Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Epilog

Gangsterjagd in New York 1

Thomas West: Rächer ohne Namen

Thomas West: Gangster Rapper

Mehr New Yorker Morde

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Mord zu festen Preisen Teil 1

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Blut auf weißen Westen Teil 2

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Sporinza darf nicht singen

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Blutiger Traum vom Glück

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Further Reading: 1500 Seiten Sword & Sorcery - Blutige Schlachten

Also By Alfred Bekker

Also By A. F. Morland

Also By Thomas West

Also By Peter Dubina

About the Author

About the Publisher

New York Sommermörder: Neun Krimis auf 1203 Seiten

Krimis der Sonderklasse - hart, actionreich und überraschend in der Auflösung. Ermittler auf den Spuren skrupelloser Verbrecher. Spannende Romane in einem Buch: Ideal als Urlaubslektüre.

Mal provinziell, mal urban. Und immer anders, als man zuerst denkt.

Gesamtumfang: ca. 1203 Taschenbuchseiten

Dieses Buch enthält die Krimis:

Alfred Bekker: Feuer und Flamme

A.F.Morland: Milo Tuckers Grab

Alfred Bekker: Club der Mörder

Thomas West: Rächer ohne Namen

Thomas West: Gangster Rapper

Peter Dubina: Mord zu festen Preisen Teil 1

Peter Dubina: Blut auf weißen Westen Teil 2

Peter Dubina: Sporinza darf nicht singen

Peter Dubina: Blutiger Traum vom Glück

Thomas West ist das gut gehütete Pseudonym eines renomierten Autors.

A.F. Morland ist der Erfinder  der Serie „Tony Ballard“.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Tod eines Schnüfflers

Kriminalroman von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.

Kriminalroman aus der Serie NEW YORK DETECTIVE um Bount Reiniger!

Ein New Yorker Privatdetektiv war in krumme Geschäfte verwickelt und wird erschossen.

Sein Kollege Bount Reiniger ermittelt und gerät in einen Sumpf des Verbrechens. Packender Thriller von Erfolgsautor Henry Rohmer (ALFRED BEKKER).

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

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Ein CassiopeiaPress Buch

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© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

New York 1991

Steve Tierney nahm das Diktiergerät zur Hand und versuchte zum letzten Mal, endlich seinen Bericht abzuschließen. Aber im Grunde wusste er, dass es auch diesmal nichts werden würde. Er konnte sich einfach nicht konzentrieren. Als sein Blick seitwärts ging, sah er seine eigene Hand ein wenig zittern.

Ich bin schon weit gekommen!, durchfuhr es ihn. Er atmete tief durch, erhob sich von seinem unbequemen Bürostuhl und legte das Diktiergerät auf den unaufgeräumten Schreibtisch. Tierneys Büro lag in der Lower East Side, weil er sich nichts Teureres leisten konnte. Doch jetzt hatte er vielleicht die Chance, den Aufstieg vom Schmalspur-Schnüffler zum Gentleman-Ermittler zu schaffen. Aber die Sache war noch nicht sicher. Sie stand auf Messers Schneide und wenn er Pech hatte, schnitt ihm dieses Messer am Ende die Kehle durch. Tierney musste höllisch aufpassen und wusste das auch. Aber die Versuchung war einfach zu groß gewesen. Eine solche Chance gab es nicht zweimal...

Tierney trat ans Fenster und blickte hinaus in die Dunkelheit. Es war schon spät. Eigentlich hatte er längst zu Hause sein wollen, aber in seinem Job durfte man nicht auf die Uhr schauen.

Er dachte plötzlich an seine Frau Karen und an Michael, seinen Sohn, der in ein paar Wochen zehn Jahre alt wurde. Um ihretwillen hätte ich mich nie auf diese verdammte Geschichte einlassen sollen!, ging es ihm schmerzhaft durch den Kopf. Aber jetzt war es zu spät dafür, irgendetwas zu bereuen. Jetzt musste er die Sache durchstehen und hoffen, dass alles gut ging. Wenn die Sache ausgestanden war, würden sie alle drei davon profitieren und eine bessere Zukunft haben. Keine nächtlichen Observationen von untreuen Ehemännern mehr, kein stundenlanges Herumlungern in der Nähe von Geldautomaten mehr, um irgendwelchen Scheckkartenbetrügern auf die Spur zu kommen...

Security Consulting für große Unternehmen - etwas in der Art schwebte Tierney für die Zukunft vor. Mit festen Bürostunden nach Möglichkeit. Und natürlich mit mehr Zeit für seine Familie.

In diesem Moment zuckte Tierney unwillkürlich zusammen. Das passierte ihm jetzt öfter. Seine Nerven hatten ziemlich gelitten, seit er in dieser Sache drin hing. Er hatte ein Geräusch an der Tür gehört. Jemand drückte auf die Klingel, aber die funktionierte schon seit langem nicht mehr. Also klopfte es eine Sekunde später.

Tierney hatte sein Schulterholster abgeschnallt und auf den Schreibtisch gelegt. Jetzt ging sein Griff dorthin, um die Waffe in die Hand zu bekommen. Es war eine Beretta und er fühlte sich schon wesentlich besser, als er den Pistolengriff in seiner Rechten spürte.

Mit der Waffe im Anschlag ging er in Richtung Tür, an der es zum zweitenmal klopfte, diesmal schon etwas ungeduldiger.

Tierney warf einen Blick durch den Spion. Im Flur stand ein Mann, den er nicht kannte.

"Was wollen Sie?", rief Tierney.

"Machen Sie auf, ich muss mit Ihnen sprechen!", kam es durch die Tür. "Aber nicht so, dass alle Welt das mitbekommt! Oder nehmen Sie keine Klienten mehr an?"

Tierney überlegte kurz. In seinem Hirn arbeitet es fieberhaft. Der Kerl da draußen war vermutlich kein Klient - obwohl Tierney dafür bekannt war, dass man ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichen konnte. Aber in seiner jetzigen Lage glaubte er einfach nicht daran. Viel näherliegender war eine andere Möglichkeit. Jemand hatte vermutlich eine Art bezahlten Todesengel vorbeigeschickt, um Steve Tierney loszuwerden.

"Einen Moment!", rief Tierney, ohne die Absicht zu haben, dem Fremden wirklich zu öffnen. Er wollte nur Zeit gewinnen. Tierney schlich rückwärts und blickte sich in seinem schäbigen Büro um, in dem er jetzt wie in einer Mausefalle saß. Er hatte keine Chance hinauszukommen. Es gab keinen Balkon, keine Feuerleiter, nicht einmal die Möglichkeit zu einen Sprung aus dem Fenster, dessen Rahmen sich so verzogen hatte, dass er es im Winter hatte festnageln müssen, um nicht bei der Erledigung des leidigen Bürokrams zu erfrieren.

In Tierneys Büro gab es kaum Deckung. Es war kein Ort, um sich dort zu verstecken. Die Einrichtung war karg. Außer dem Schreibtisch befanden sich da nur ein paar selbsttragende Regale an den Wänden, in denen er die Akten mit seinen Ermittlungsunterlagen aufbewahrte.

Tierney war gerade bis zum Schreibtisch gekommen, da gab es ein hässliches Geräusch. Es klang fast so, als hätte jemand kräftig geniest, aber Tierney wusste, dass es etwas anderes war.

Eine Pistole mit Schalldämpfer! Der Kerl hatte kurzerhand das Schloss zerschossen. Die Tür öffnete sich einen Spalt.

Tierney machte das Licht aus und ging hinter dem Schreibtisch in Deckung. Dann entsicherte er seine eigene Waffe. Er packte die Beretta mit beiden Händen und wartete einfach die nächsten Sekunden ab, die endlos langsam voranzuschreiten schienen. Das erste, was er durch die Tür kommen sah, war der langgezogene Schalldämpfer.

Einen Augenblick noch wartete er. So lange, bis der Kerl zur Hälfte hereingekommen war. Tierney sah von dem Eindringling nicht viel mehr als einen schattenhaften Umriss. Aber als Ziel reichte das völlig aus. Steve Tierney dachte gar nicht daran, zu warten, bis der Killer versuchte, ihn zu töten. Seine einzige Chance war, ihm zuvor zu kommen. Und so tauchte er aus seiner Deckung hervor, legte die Beretta an und feuerte.

Der Eindringling reagierte allerdings blitzschnell. Er ließ sich zur Seite fallen und dann machte es 'Plop!'. Dreimal schnell hintereinander feuerte der Killer und traf. Ein Ruck ging durch Tierneys Körper. Er taumelte nach hinten und riss seine Beretta noch einmal hoch, um zu feuern. Doch bevor er dazu Gelegenheit bekam, hatte der Killer noch einmal abgedrückt. Der Schuss traf Tierney direkt in der Brust. Die Kugel trat auf der anderen Seite wieder aus und ließ die Fensterscheibe zu Bruch gehen. Tierney wurde nach hinten gerissen, so dass er dann aus dem Fenster kippte. Sieben Stockwerke, das war schon ein ganz ordentlicher Sturz. Der Killer machte indessen das Licht wieder an.

Der Fenstersturz war eigentlich nicht geplant gewesen. Letztlich bedeutete er für den Killer aber nur, dass er jetzt schneller arbeiten musste. Eine Viertelstunde, so schätzte er, hatte er mindestens. Er warf einen kurzen Blick hinaus aus dem Fenster. Ein hässlicher Anblick.

Es war schon jemand bei dem Toten und hatte sich über ihn gebeugt, ein anderer kam herbei. Aber es würde niemand hinauf ins Büro kommen, solange nicht die Polizei eingetroffen war. Das wusste der Killer aus Erfahrung. So waren die Leute nun einmal. Sie wollten etwas sehen, aber sich in nichts hineinziehen lassen.

Der Killer steckte seine Pistole ein und wandte sich dann den Akten zu, mit denen Steve Tierney seine Regale vollgestellt hatte. Eine nach der anderen wurde herausgerissen, durchgeblättert und dann auf den Boden geworfen.

2

Captain Toby Rogers vom Morddezernat Manhattan C/II war ein korpulenter Koloss. Er kam schnaufend aus seinem Dienstwagen heraus und bewegte sich auf den Tatort zu. Mantel und Jackett waren offen, seine Hemdknöpfe bis zum Zerreißen gespannt.

Die zahlreich postierten Uniformierten konnten das Heer der Schaulustigen kaum ausreichend abdrängen und auch Rogers hatte einige Mühe, sich durch den Pulk hindurchzudrängeln.

Schließlich hatte er sich bis zu Lieutenant Browne vorgearbeitet, der neben einer männlichen Leiche stand.

"Mehrere Schüsse", erklärte der lockenköpfige Browne, als er den Captain neben sich auftauchen sah. "Zwei davon waren tödlich. Da ist jemand sehr gründlich gewesen!"

"Sieht aus, als wäre er da oben aus dem Fenster gesprungen!", vermutete Rogers.

Browne zuckte die Achseln. "War sicher kein freiwilliger Sprung!"

"Warst du schon oben?"

"Ja. Jetzt ist die Spurensicherung gerade dort!"

"Wo ist denn der verdammte Arzt?"

"Schon wieder weg, Captain."

"Und die Todeszeit?"

"23 Uhr 47."

Rogers zog die Augenbrauen hoch und runzelte die Stirn. Er sah Lieutenant Browne an, als wollte dieser ihn auf den Arm nehmen. "So genau, Lieutenant?"

"Wir haben die Aussage einer Frau, die einen Schuss hörte, nachdem sie kurz vorher auf die Uhr geschaut hatte!"

"Einen Schuss?"

Browne nickte. "Ja, und den muss der arme Kerl hier selbst abgegeben haben. Er besaß eine Beretta. Sein Mörder hat wohl mit Schalldämpfer gearbeitet!"

Rogers verzog das Gesicht. Das klang nicht gut.

Er zwang sich dazu, den Toten anzuschauen, aber die Mühe hätte er sich sparen können. Der Schädel war ziemlich zerstört und obendrein blutbeschmiert. Vom Gesicht war nicht viel zu sehen. "Er heißt Steve Tierney und unterhielt hier ein Büro als Privatdetektiv", hörte der Captain die sonore Stimme von Browne.

Rogers nickte. "Haben wir zufällig mal mit ihm zusammengearbeitet?"

"Glaube ich nicht", meinte Browne. "Jedenfalls ist er mir nicht in Erinnerung geblieben."

Zwei Männer kamen jetzt herbei, um den Toten in einen Zinksarg zu legen. Rogers wandte sich ab. Er war verdammt froh darüber, dass das nicht sein Job war.

"Gehen wir hinauf in das Büro", meinte er zu Browne.

"Es war durchwühlt", sagte Browne. "Vielleicht ist Tierney auf irgendetwas gestoßen, das so brisant war, dass man ihm gleich einen Killer auf den Hals gehetzt hat!"

Rogers zuckte mit den Schultern.

"Schon möglich", meinte der Captain und fuhr fort: "Kann aber genauso gut sein, dass er sich als Erpresser versuchte. Reich ist er mit seinem Job ja wohl nicht geworden - wenn er hier residierte!"

Rogers war schon ein paar Schritte gegangen, da ließ ihn Brownes Stimme abrupt stoppen.

"Ach, Captain... Da ist noch etwas..."

Browne druckste ein wenig herum, während Rogers ihn anfuhr: "Na los, raus damit!"

"Tierney hatte Frau und Kinder."

"Ich hoffe, es hat sie jemand benachrichtigt. Und zwar mit Einfühlungsvermögen!"

"Das ist es ja eben. Ich hatte gehofft, dass Sie..."

3

"Guten Tag, Mister Reiniger!"

Die Gesichtsfarbe des Mannes war so grau wie sein Anzug. Sein Lächeln schien nichts weiter als eine gefühllose Maske zu sein. Eine geschäftsmäßige Maske.

Sein Name war Norman Reynolds, und er war seines Zeichens Notar und Rechtsanwalt, im übrigen einer mit ziemlich gutem Ruf.

Bount Reiniger, der Mann auf der anderen Seite des Schreibtisches, hatte ebenfalls in seiner Branche einiges an Renommee. Er bot seinem Gast einen Sessel an.

"Es freut mich, Sie endlich einmal kennenzulernen, Mister Reiniger."

"Ganz meinerseits."

"Ich habe schon einiges von Ihnen gehört. Man sagt, Sie wären New Yorks bester Privatdetektiv!"

Bount lächelte ironisch. "Die Leute sagen viel, Mister Reynolds. Das wissen Sie sicher auch..."

Aber diese Art von Humor kam bei dem grauen Mann offensichtlich nicht so recht an. Er blieb knochentrocken, sein Gesicht fast reglos. Er wandte den Kopf kurz zu der dritten Person, die sich im Raum befand. Es war eine äußerst attraktive Blondine, deren enganliegendes Strickkleid wenig von dem verbarg, was sich darunter befand. Norman Reynolds beeindruckte das jedoch augenscheinlich nicht im Geringsten.

Er wandte sich an Bount.

"Ich hätte Sie gerne unter vier Augen gesprochen, wenn es Ihnen nichts ausmacht."

"Es macht mir nichts aus, aber dies ist Miss June March, meine Mitarbeiterin. Sie wird ohnehin erfahren, worum es geht. Da kann sie auch gleich dabei sein, finden Sie nicht?"

Norman Reynolds fand das nicht.

Aber er setzte sich trotzdem.

"Was ist Ihr Anliegen, Mister Reynolds?", erkundigte sich Bount, während er sich eine Zigarette anzündete.

"Ich bin hier, weil ich die traurige Pflicht habe, den letzten Willen eines Verstorbenen zu erfüllen. Vor zwei Tagen wurde ein Privatdetektiv namens Steve Tierney in seinem Büro erschossen. Es ist kein Fall, von dem Sie gehört haben müssten, Mister Reiniger. Vielleicht gab es eine kleine Randnotiz in der Zeitung, vielleicht noch nicht einmal das." Reynolds erzählte dies mit fast emotionsloser Stimme. Er zuckte einmal zwischendurch kurz mit den Schultern und fuhr dann fort: "Mister Tierney hat mich zu Lebzeiten beauftragt, Ihnen das hier auszuhändigen."

Er überreichte Bount ein Kuvert und dieser öffnete es. Darin befand sich ein Brief, in dem der Ermordete Bount Reiniger den Auftrag gab, seinen Tod aufzuklären. Außerdem ein Scheck, sowie ein Schlüssel. Dazu eine von Tierney unterzeichnete Vollmacht, die Bount Reiniger ermächtigte, den Inhalt eines Bankschließfachs abzuholen. Laut Brief befanden sich dort die Ermittlungsunterlagen zu Tierneys letztem Fall.

Bount gab den Brief an June weiter, die ihn kurz überflog.

"Heißt das, dass dieser Tierney von seiner bevorstehenden Ermordung wusste - oder zumindest ahnte?", fragte Bount stirnrunzelnd.

Reynolds zuckte mit den Achseln.

"Ich weiß es nicht, Mister Reiniger", bekannte er. "Ich möchte nur wissen, ob Sie den Fall annehmen! Anderenfalls muss ich mich auf die Suche nach jemandem anderem machen. Mister Tierney hatte offenbar - rein professionell gesehen - eine hohe Meinung von Ihnen. Deshalb sind Sie seine erste Wahl gewesen."

Bount überlegte kurz. Dann nickte er. Er hatte eine Entscheidung getroffen. "Ich werde mich um die Sache kümmern", kündigte er an. "Schließlich war Tierney gewissermaßen ein Kollege..."

"Es freut mich, dass Sie die Sache so sehen, Mister Reiniger!", erwiderte Reynolds kühl und erhob sich dann. "Sie ersparen mir damit einiges an Aufwand. Es ist schließlich nicht so einfach, einen guten Privatermittler zu finden!" Er blickte dann auf seine Rolex, um zu unterstreichen, dass er jetzt schleunigst gehen musste.

"Miss March wird Sie hinausbegleiten", sagte Bount.

Aber Reynolds winkte ab. "Danke sehr, aber ich finde den Weg sehr gut allein!" Einen Augenblick später war er verschwunden.

"Das ist doch wohl die merkwürdigste Art und Weise, auf die du je an einen Fall geraten bist, Bount! Die ganzen Jahre über, die wir schon zusammenarbeiten, habe ich so etwas noch nicht erlebt!"

Bount grinste. "Das ist eben eine der positiven Seiten dieses Jobs: Es gibt jede Menge Abwechslung!"

Sie verschränkte die Arme vor der Brust.

"Trotzdem! Dass du dich gleich so hast breitschlagen lassen, wundert mich! Ich frage mich, warum eigentlich!"

Bount hob den Scheck und hielt ihn mit Zeige- und Mittelfinger.

"Ein Argument ist natürlich das hier!"

"Ach, komm schon!" Sie nahm ihm das Papier aus der Hand und warf einen Blick darauf und schüttelte dann den Kopf. "Du könntest dir leicht dickere Fische an Land ziehen, Bount!"

"Sicher", murmelte er und zuckte die Achseln. "Aber ich mag es eben nicht, wenn man einen aus unserer Zunft umbringt. Irgendwie muss man da doch zusammenhalten, findest du nicht?"

4

"Tut mir aufrichtig leid, Sir, aber ich fürchte, ich kann nichts für Sie tun!" Es war der mandeläugigen Bankangestellten nicht anzusehen, ob es ihr wirklich so leid tat oder nicht viel mehr eher peinlich war. Aber im Grunde war das auch gleichgültig.

Bount Reiniger sah noch einmal kurz in das Bankschließfach und seufzte dann. Das Fach war leer. Nicht einmal ein Staubkorn war darin zu sehen - aber es wäre auch zu schön gewesen, um wahr zu sein, hier alle Beweise wohlgeordnet auf einem Haufen zu finden.

"Was heißt das - Sie können nichts für mich tun?", fragte Bount stirnrunzelnd. "Ich habe den Schlüssel und eine Vollmacht des Verstorbenen, in dem er ausdrücklich mich dazu ermächtigt, den Inhalt des Faches abzuholen!"

"Das mag schon sein, Mister..."

"Reiniger."

"Unsere Bank verbürgt sich dafür, dass kein Unbefugter an das Fach herankommen kann!"

"Mister Tierney hat eine Menge Geld dafür hingeblättert, dass ich den Inhalt dieses Faches abhole. Das hätte er nicht, wenn es leer gewesen wäre!"

"Ich kann ja mal in den Unterlagen nachschauen, Mister Reiniger. Wenn wirklich jemand Zugang zu dem Fach gehabt hat, müsste eine Unterschriftsprobe vorhanden sein, die wir obligatorisch verlangen."

Bount lächelte dünn.

"Dann seien Sie bitte so freundlich und schauen Sie nach!"

Sie verließen den Raum mit den Schließfächern. Und dann sah Bount es eine Minute später schwarz auf weiß: Der Inhalt des Fachs war abgeholt worden. Und zwar von Karen Tierney, der Witwe des Ermordeten.

"Nach den Unterlagen hatten wir keinen Grund, ihr den Zugang zu verwehren!", meinte die Mandeläugige. "Sie war ja schließlich seine Witwe!"

"Hatte sie einen Schlüssel?"

"Den brauchte sie nicht unbedingt. Es kommt immer mal wieder vor, dass Hinterbliebene nicht wissen, wo der Verstorbene den Schlüssel aufbewahrt hat. In solchen Fällen verlangen wir Schadensersatz, weil wir ein neues Schloss einsetzen müssen..."

"Und Mrs. Tierney hat bezahlt?"

"So ist es."

5

Karen Tierney hatte feuerrotes Haar und dunkle Augen, die im Augenblick sehr traurig wirkten. Sie war eine hübsche, zierlich gebaute Frau, die sich aber im Augenblick etwas vernachlässigt zu haben schien.

Jedenfalls begrüßte sie Bount im Morgenmantel, als er vor ihrer Wohnungstür auftauchte. Die Tierneys wohnten zur Miete im Parterre eines mehrstöckigen Reihenhauses.

"Ich kaufe nichts und ich lasse mich auch zu nichts bekehren", murmelte sie müde und wollte Bount schon die Tür vor der Nase zuschlagen.

"Warten Sie einen Moment, Mrs. Tierney. Ich muss unbedingt mit Ihnen sprechen..."

Sie strich sich die rote Mähne zurück und machte: "Ach, ja? Machen Sie' es kurz. Es geht mir nicht besonders gut!"

"Mein Name ist Bount Reiniger, ich bin Privatdetektiv."

"Was wollen Sie?"

"Es geht um Ihren ermordeten Mann! Darf ich hereinkommen?"

Sie war noch immer misstrauisch und so zeigte Bount ihr seine Lizenz.

"Was soll ich mit dem Wisch?"

"Wenn nach meinem Besuch das Familiensilber fehlt, wissen Sie jedenfalls, wer es hat." Er sah sie offen an. Vor ihm stand eine gebrochene Frau, die wirkte, als wäre sie ziemlich aus der Bahn geworfen worden. Und Bounts Bemerkung heiterte sie auch nicht im Geringsten auf. Sie reagierte nur mit einem Schulterzucken, das nicht weniger auszusagen schien, als dass ihr im Moment ohnehin alles ziemlich egal war.

"Wer schickt Sie?", fragte sie.

"Ihr Mann hatte einen Notar beauftragt, mich im Falle seines Todes zu engagieren, um seinen Mörder zu finden!"

Sie sah Bount erstaunt an. "Davon wusste ich nichts", meinte sie.

"Die Polizei war sicher schon bei Ihnen, nehme ich an..."

"Ja", nickte sie. "Ein gewisser Lieutenant Browne."

"Ein langer Kerl mit lockigen Haaren, nicht wahr?"

"Kennen Sie ihn?"

"Er arbeitet in der Mordkommission von Captain Rogers und das ist ein alter Freund von mir!"

Sie musterte Bount eingehend von oben bis unten und auf einmal schien ihr aufzufallen, dass ihr eigenes Outfit an diesem Tag nicht dem letzten Schrei entsprach. Eine leichte Röte überzog ihr Gesicht. Es war ihr peinlich. Dafür schien das Misstrauen nicht mehr ganz so stark zu sein.

"Kommen Sie", murmelte sie. Bount wurde in ein Wohnzimmer geführt und bekam einen Platz in einem klobig wirkenden Ledersessel.

Sie setzte sich ebenfalls.

"Ich sehe heute nicht besonders gut aus", meinte sie. "Aber wissen Sie, Steves Tod war ein schwerer Schlag für mich. Ich stehe jetzt vor dem Nichts. Und ich wüsste übrigens auch nicht, wie ich Sie bezahlen sollte!"

"Das hat Ihr Mann schon erledigt!"

"Was?"

"Ja, ein Scheck. Hier ist die Quittung der Bank. Ich habe ihn vor einer halben Stunde eingelöst." Bount holte die Quittung aus seiner Brieftasche und zeigte sie ihr.

Sie runzelte die Stirn. "Ich wusste gar nicht, dass Steve bei dieser Bank auch ein Konto besitzt", murmelte sie. "Und dann die Summe!" Sie gab Bount die Quittung zurück. "Ich kann für Sie nur hoffen, dass der Scheck gedeckt war, Mister Reiniger!"

"Hat Ihr Mann mit Ihnen über seine Arbeit gesprochen?"

"Nein, nie. Er wollte seinen Ermittler-Job und das Privatleben strikt auseinanderhalten. Deshalb liegt sein Büro auch am anderen Ende der Stadt." Sie zuckte die Achseln "Er hatte sicher dafür seine Gründe, denn die Sachen, die er gemacht hat, waren wohl nicht immer ganz ungefährlich. Er wollte uns - mich und unseren kleinen Michael - nicht in diese Dinge hineinziehen."

"Dann wissen Sie auch nicht zufällig, woran er in letzter Zeit gearbeitet hat?"

"Nein. Keine Ahnung."

"Wurde er vielleicht von irgendjemandem bedroht?"

"Nicht, dass ich wüsste, Mister Reiniger." Sie zuckte die Achseln und rieb die Handflächen aneinander. "Ich fürchte, ich bin Ihnen keine große Hilfe, was?"

Bount studierte eingehend ihr Gesicht. Die Augen wirkten unruhig und sie rutschte auf ihrem Platz hin und her. Der Privatdetektiv hatte das Gefühl, dass sie ihm nicht hundertprozentig die Wahrheit sagte oder zumindest etwas verschwieg. Zum Beispiel die Sache mit dem Bankschließfach, aber Bount wollte erst noch abwarten, bevor er damit herauskam.

Plötzlich sagte Sie: "Ich sehe keinen großen Sinn darin, wenn Sie auch noch in dieser Sache herumrühren, Mister Reiniger."

Bount hob die Augenbrauen. "Es wundert mich, dass Sie das sagen!"

"Was könnten Sie schon herausfinden, was die Polizei nicht auch früher oder später herausbekommt?", erwiderte Karen Tierney.

"Nun, Ihr Mann hat das offenbar anders beurteilt."

"Lassen Sie es gut sein und überlassen Sie die Sache der Polizei!"

"Merkwürdig, dass Sie so denken, Mrs. Tierney."

"Warum?"

"Weil es meiner Erfahrung nach so ist, dass Angehörige um jeden Preis diejenigen bestraft wissen wollen, die für die Tat verantwortlich sind..."

"Das ist bei mir nicht anders!", erwiderte sie mit belegter Stimme. "Aber ich bin realistisch. Außerdem können weder Sie noch die Polizei mir meinen Mann wieder holen..."

Damit hatte sie natürlich recht.

Bount erhob sich, um zu gehen. "Haben Sie ein Bild von ihm?"

"Ja, aber..."

"Dann geben Sie es mir bitte."

Sie zögerte. "Sie wollen nicht lockerlassen, oder?"

"Ich habe einen Auftrag."

"Und wenn ich Ihnen diesen Auftrag wieder entziehe?"

"Darauf würde ich mich nie einlassen, Mrs. Tierney. Der Auftrag war der letzte Wille Ihres Mannes. Und den werde ich respektieren."

Sie nickte. Eine seltsame Anspannung hatte sie erfasst, die Bount sich nicht ganz erklären konnte.

"Ich hole Ihnen ein Foto", sagte sie.

Als sie zurück war und Bount ein Foto von Tierney gegeben hatte, fragte dieser: "Liegt es vielleicht am Geld, dass Sie mir den Auftrag entziehen wollten? Darüber könnten wir reden. Ich muss nicht gleich mein Auto verkaufen, wenn ich auf den Scheck verzichte."

Sie schüttelte den Kopf und vermied es dabei, Bount in die Augen zu sehen. "Nein", meinte sie. "Darum geht es nicht."

"Haben Sie einen Job?"

"Nein. Ich werde mir etwas suchen müssen."

"Und eine Lebensversicherung?"

"Alles futsch. Steve hat eine Hypothek darauf aufgenommen, als wir uns die neue Wohnungseinrichtung gekauft haben. Außerdem war ich letztes Jahr ein paar Wochen im Krankenhaus, das ging auch ganz schön ins Geld. Deshalb wundert es mich ja auch so, dass Steve Ihnen ein solches Honorar zahlen konnte!"

"Wie gesagt, wir können darüber reden."

"Ich bin keine Bettlerin!", erklärte sie empört.

"So war es auch nicht gemeint!"

"Schon gut."

Sie gingen zur Tür.

"Wir werden uns sicher bald wiedersehen", meinte Bount. "Tut mir leid, dass ich Ihnen das nicht ersparen kann.“

"Das braucht Ihnen nicht leid zu tun."

Als Bount die Wohnung verließ, kam ein etwa zehnjähriger Junge das halbe Dutzend Stufen bis zur Haustür hinaufgerannt. Das musste Michael sein.

Karen Tierney nahm ihren Sohn voller Erleichterung in die Arme. "Ich bin froh, dass du da bist", sagte sie.

Michael schaute zu Reiniger hinüber und unterzog ihn einer kritischen Musterung. "Wer ist der Mann?"

"Ein Privatdetektiv", erklärte seine Mutter.

"Wie Dad?"

"Ja, wie Dad."

Der Junge musterte Bount ein paar Sekunden lang und ging dann ins Haus.

6

Captain Toby Rogers und Bount Reiniger waren seit Jahren befreundet, aber der Police Captain schien sich heute nicht besonders zu freuen, den Privatdetektiv wiederzusehen.

Er fegte wie eine Dampfwalze durch das Morddezernat, in der einen Hand einen Kaffeepott, in der anderen einen Stapel Unterlagen. Als er Bount sah, stoppte er ziemlich abrupt, verdrehte die Augen und seufzte.

"Wenn du auftauchst, Bount, dann bedeutet das meistens Arbeit für mich! Aber ich sage dir gleich: Ich stecke bis zum Hals in Arbeit!"

Bount lachte. "Na, da geht es dir wie mir, Toby!"

"Vielleicht. Aber mit dem Unterschied, dass ich dir bei deinem Job helfen soll, während du mich von meinem abhältst!"

"Na, na, übertreibst du nicht ein bisschen?"

Rogers schüttelte den Kopf. "Kaum! Eher im Gegenteil!"

"Meistens war es doch so, dass wir beide profitierten, wenn wir zusammen an einem Strang gezogen haben, Toby!"

"Wie auch immer, du lässt dich doch nicht abwimmeln! Also komm mit! Einen Kaffee kann ich dir allerdings nicht anbieten. Unsere Maschine ist kaputt. Ich hatte das Glück, die letzte Tasse abgekriegt zu haben!"

Wenig später waren sie in Rogers’ Dienstzimmer und der Captain hatte sich hinter seinem Schreibtisch ächzend niedergelassen, während Bount es vorzog, stehen zu bleiben.

"Worum geht es, Bount? In welche Akte willst du einen unerlaubten Blick werfen?", feixte Toby.

Bount machte eine wegwerfende Handbewegung.

"Sagt dir der Name Tierney etwas?"

"Natürlich. Ein Fall unter vielen, der darauf wartet gelöst zu werden. Was hast du damit zu schaffen?"

"Ich suche Tierneys Mörder."

Rogers lachte heiser. "Was du nicht sagst! Dasselbe gilt auch für mich!"

Rogers fuhr mir seinem Bürostuhl einen Meter zur Seite und hatte eine Sekunde später eine Akte in der Hand, die er anschließend Bount hinüberreichte. "Unverbindlich zur Ansicht", meinte er. "Der Killer ist auf Nummer sicher gegangen und hat mehrfach abgedrückt. Wahrscheinlich hat er einen Schalldämpfer benutzt."

Reiniger hob die Augenbrauen.

"Ein Profi?"

"Ist nicht auszuschließen. Dafür spräche auch, dass es am Tatort - seinem Büro - keinerlei Spuren gibt. Keinen Fingerabdruck, gar nichts.“

"Hat der Mörder Tierneys Unterlagen durchsucht?"

"Gründlich! Woher weißt du das?"

Bount zuckte die Achseln. "Ich zähle einfach zwei und zwei zusammen, das ist alles." Er langte in die Innentasche seines Jacketts und holte den Brief heraus, den der Notar Reynolds ihm übergeben hatte. Er gab Rogers das Papier und meinte dazu: "Tierney muss geahnt haben, dass es jemand auf ihn abgesehen hatte. Und es hängt wahrscheinlich mit seinem letzten Fall zusammen."

Rogers nickte.

"Tierney hat sich eine Schießerei mit dem Killer geliefert. Das heißt, dass er wusste, dass es ihm an den Kragen würde... Hast du dir das Bankschließfach mal angesehen, von dem hier die Rede ist?"

"Habe ich. Es war leer. Die Witwe hat es leergeräumt, aber sie weiß angeblich nicht, woran ihr Mann gearbeitet hat. Was weißt du bisher über Tierney?"

Rogers hob die Schultern.

"Nun, er ist eine Art Schmalspur-Schnüffler. Ein kleiner Fisch im großen Teich New York. Jedenfalls geht das aus seinen Ermittlungsunterlagen hervor. Untreue Ehemänner und Ladendiebe, manchmal auch Personen- und Objektschutz."

"Und seine Auftraggeber?"

"Privatleute, manchmal mittlere und kleine Firmen." Toby Rogers deutete auf die Akte. "Steht alles darin. Lieutenant Browne war ziemlich fleißig, leider hat er aber bislang noch keinen hier aufs Revier geschleppt, von dem man annehmen kann, dass er der Mörder war!"

Bount schlug die Akte auf. "Ich werde mir ein paar Sachen herausschreiben!", meinte er. Da war zum Beispiel der Kaliber der Mordwaffe oder die Liste der Klienten. Aber vermutlich hatte der Mörder bei seiner Suchaktion dafür gesorgt, dass sein Name nicht auf dieser Liste stand.

"Hat Tierney eigentlich mal jemanden in den Knast gebracht oder sonstwie übel mitgespielt?", fragte der Privatdetektiv dann, während er Kugelschreiber und Notizblock aus der Jackentasche holte.

"Nicht, dass wir bisher wüssten, Bount. Wie gesagt, die großen Sachen waren nicht sein Feld."

"Und Informanten? Jeder Privat Eye hat seine Spitzel, um an Informationen heranzukommen, die einem sonst kein Mensch geben würde..."

"In seinen Akten haben wir darüber nichts gefunden." Prustend erhob er sich und walzte bis zum Fenster, wo er kurz stehen blieb, um hinaus ins Freie zu blicken. Dann drehte er sich zu Bount herum. "Ich will dich ja nicht entmutigen, aber..."

"Aber was?", hakte Bount nach.

"Du weißt, dass wir nicht alle Morde aufklären können - und dieser hat gute Chancen dazuzugehören! Keine Spuren, keine Täterbeschreibung, nichts Greifbares. Wenn sich herausstellt, dass der Killer wirklich ein Profi ist, dann könnte er längst über alle Berge sein! Wenn Tierney ein Drogendealer wäre, würde man die Sache schnell in der Schublade Bandenmorde ablegen."

"Tierney war aber kein Dealer, soweit ich weiß."

"Aber ein Mann, der sich gezwungenermaßen auf beiden Seiten der Grenze, die das Gesetz zieht, auskannte. Woher wissen wir, ob er nicht auch auf der anderen Seite des Zauns gegrast hat?"

"Richtig", murmelte Bount. "Das wissen wir nicht. Aber ich kriege es heraus, darauf kannst du Gift nehmen!"

Rogers hob die Arme.

"Ich hoffe du lässt es mich dann wissen!"

Bount grinste. "Aber nur, wenn dir das nicht zuviel Zeit raubt und dich von deinem Job abhält!"

7

Michael musste mit seinem Fahrrad ziemlich abrupt abbremsen, um den Mann nicht anzufahren, der da mitten auf dem Gehweg stand.

"Pass doch auf!", knurrte dieser mürrisch.

"Entschuldigung!"

Einen Augenblick lang begegneten sich ihre Blicke und der Junge erschrak unwillkürlich. Der Mann war hochgewachsen und sehr schlank, was noch dadurch unterstrichen wurde, dass er einen enganliegenden dunkelgrauen Mantel trug. Sein Gesicht war von ungesund wirkender Blässe. Als er den Jungen ansah, zuckte unterhalb des linken Auges ein Muskel. Aber das war gar nicht das eigentlich Erstaunliche. Das waren die Augen. Jedenfalls für den Jungen. Diese Augen schienen ihn geradezu zu durchbohren. Eine fast hypnotische Kraft ging von ihnen aus und verhinderten, dass Michael sich abwandte.

Auf einmal war dem Jungen klar, dass er diesen Mann nicht mochte. Er konnte nicht sagen, weshalb eigentlich. Es war einfach so.

"Ist noch was?", fragte das Bleichgesicht.

"Nein, Sir!", stammelte Michael.

"Warum glotzt du mich dann so an?"

Dem Jungen fiel auf, dass der Mann Handschuhe trug, obwohl es gar nicht so kalt zu sein schien, dass das nötig war.

Der Mann ging an dem Jungen vorbei, und die Stufen hinauf. Michael konnte nicht anders, als hinzusehen, denn das waren die Stufen, die zu ihrer Wohnung führten.

Seine Mum schien den Mann zu erwarten. Jedenfalls stand sie plötzlich in der offenen Haustür.

"Tag, Mrs. Tierney!", sagte der Mann.

Sie schien sich nicht sehr über den Besuch zu freuen.

"Was wollen Sie?", fragte sie gereizt.

"Ich will mich nur erkundigen, ob Sie sich meinen Vorschlag überlegt haben!"

Sie nickte. Und dann sah sie ihren Sohn mit dem Fahrrad. Der bleiche Mann drehte sich halb herum und verzog das Gesicht zur schwachen Ahnung eines Lächelns.

"Ihr Junge?", fragte er. Sein Mund wurde breiter. Sie brauchte gar nichts zu sagen. Er wusste, dass es ihr Junge war.

"Ich habe es mir überlegt", sagte sie. "Ich bin einverstanden."

"Das freut mich. Auch für Ihren Jungen! Für ihn ganz besonders - wenn Sie verstehen, was ich meine!"

"Es gibt da allerdings noch ein Problem", sagte sie.

"So?"

"Nicht hier!"

Sie gingen ins Haus, aber Michael hatte kein gutes Gefühl dabei, seine Mutter mit diesem Mann allein zu wissen.

Wenig später kam er wieder ins Freie und schloss die Tür hinter sich. Mum kam nicht heraus. Der Mann blickte sich zu beiden Seiten um und lief dann zu seinem Wagen, den er am Straßenrand abgestellt hatte. Es war ein Porsche.

8

Bount Reiniger parkte den champagnerfarbenen 500 SL am Straßenrand und hoffte, kein Strafmandat dafür zu bekommen. Er stieg aus. Dann sah er einen langgestreckten Lockenkopf, der ihm nur zu gut bekannt war.

Es war Lieutenant Browne - und das hieß, dass der Privatdetektiv hier auf jeden Fall richtig war.

Browne bemerkte Bount erst, als dieser ihn schon fast erreicht hatte.

Der Lieutenant machte einen etwas übernächtigten Eindruck, schien aber sonst ganz gut gelaunt zu sein.

"Sagen Sie bloß, Sie arbeiten auch an der Sache, Reiniger!"

"Allerdings!"

"Da oben ist es passiert!" Browne deutete an der Hausfassade hinauf. Bount konnte sich denken, was der andere meinte. In einem Fenster war die Scheibe zerstört. Dort musste Tierney sein Büro gehabt haben. "Die Wucht der Geschosse hat ihn aus dem Fenster geschleudert...", war der Lieutenant zu hören. Wo Tierney aufgekommen war, brauchte Bount niemand zu sagen. Es hatte an den letzten Tagen nicht geregnet und deshalb waren die Kreidemarkierungen noch ganz blass zu sehen.

Bount deutete hinauf. "Das Büro ist versiegelt, nehme ich an..."

"Richtig."

"Ich würde mich dort gerne mal umsehen!"

"Sie werden nichts finden, Reiniger. Die Spurensicherung hat auch nichts entdeckt. Der Killer war so penibel, dass er sogar seine Patronenhülsen wieder eingesammelt haben muss!"

"Trotzdem."

Browne seufzte. "Wenn Sie mir eine Zigarette geben! Ich habe meine im Büro liegen lassen."

"Wenn's weiter nichts ist!"

Sie gingen hinauf in den siebten Stock und Browne entfernte das Siegel. Dann ging die Tür auf. "Sie können sich gerne umsehen", meinte Browne. "Die Spurensicherung hat jeden Fetzen untersucht. Kaputtmachen können Sie also nichts, Reiniger!"

"Danke!"

"So war's nicht gemeint!"

Bount ließ den Blick über das Chaos gleiten, das hier herrschte. "Wie lange hatte der Täter Zeit, um sich hier umzusehen?", fragte Bount.

"23.47 wurde ein Schuss gehört und laut Protokoll war der erste Streifenwagen um 00.01 am Tatort." Browne zuckte mit den Schultern. "Ich habe mich schon hundert mal gefragt, wonach er hier wohl gesucht haben könnte! Besonders schien er sich für Fotos zu interessieren..."

Bount hob die Augenbrauen. "Wie kommen Sie darauf?"

"Der Killer hat die Akten nur kurz durchgesehen, aber wenn Fotos darin waren, sind sie herausgenommen und auf dem Boden verstreut worden."

"Und die Kamera?"

"Welche Kamera?"

"Wenn er Fotos gemacht hat, muss er eine Kamera gehabt haben. Wo ist die?"

"Wir haben keine gefunden, Reiniger! Weder hier in seinem Büro, noch in seinem Wagen! Vielleicht hat der Killer sie mitgenommen!"

Bount nickte. "Wäre möglich." Dann nahm er sich die Schreibtischschublade vor, für den sich der Mörder nicht so sehr interessiert zu haben schien. Sie war prall gefüllt mit Quittungen und Belegen, die Steve Tierney wahrscheinlich für die Steuererklärung gesammelt hatte.

Bount holte die Schublade ganz aus ihren Halterungen heraus stellte sie auf den Tisch.

"Was haben Sie vor?", fragte Browne.

"Tierneys letzter Fall interessiert mich. Vielleicht hat er ja in letzter Zeit irgendwelche Anschaffungen gemacht, die damit zu tun haben!"

Ein paar Minuten hatte Bount gewühlt, dann hielt er tatsächlich etwas in den Händen. Es war die Quittung für eine Kleinbildkamera, kaum eine Woche alt. Und dann war da noch etwas: Subway-Fahrscheine. Die meisten davon gingen in dieselbe Richtung...

"Sehen Sie sich das an", meinte Bount, nachdem er eine ganze Weile in den Belegen herumgewühlt hatte. "In den Wochen vor seinem Tod ist Tierney fast täglich zur Wall Street gefahren..."

Browne runzelte die Stirn. "Zeigen Sie her..."

"Nach allem, was ich bisher über Tierney gehört habe, wäre die Bowery eine plausiblere Adresse!", meinte Bount. "Ich frage mich, was er so oft in der Wall Street zu suchen hatte..."

Browne zuckte die Achseln.

"Vielleicht hatte er einen Nebenjob als Broker!" Das war natürlich nicht ernst gemeint. Aber nur, um die Zeit totzuschlagen oder sich die New Yorker Börse von außen anzusehen, war Tierney sicher auch nicht dort gewesen.

"Ich schätze, er hat jemanden beschattet", murmelte Bount. Fragte sich nur, wen - schließlich war die Auswahl unter den zigtausend Menschen, die täglich in Wall Street und Umgebung arbeiteten ja mehr groß genug.

Als Bount ein paar Minuten später wieder im Wagen saß, meldete sich June per Handy.

"Hallo, Bount!"

"Na, wie steht's?"

"Wie schon! Es gibt nun wirklich Vergnüglicheres, als einen halben Tag vor einem Haus zu sitzen und darauf zu warten, dass jemand bei Mrs. Tierney zu Besuch kommt!"

"Ist denn wenigstens jemand gekommen?"

"Allerdings! Ich habe ein paar Bilder gemacht! Es dürfte nicht allzu schwer sein, herauszukriegen, wer das gewesen ist!"

Wenigstens ein vager Ansatzpunkt!, dachte Bount.

9

Der Fotoladen war nicht besonders groß und an einer Straßenecke gelegen. Der bleichgesichtige Mann sah sich nach einem Parkplatz um, sah aber, dass im weiteren Umkreis keine Chance war, einen Porsche legal abzustellen. So stellte er sich ins Parkverbot. Die Sache würde nicht lange dauern. Unwahrscheinlich, dass man ihn gerade in diesen paar Minuten aufschreiben würde.

Als der bleiche Mann eintrat, sah er hinter dem Tresen einen stämmigen, untersetzt wirkenden Mann mit Halbglatze, der das Bleichgesicht eingehend musterte.

"Was wünschen Sie?", fragte der Untersetzte.

Der Eingetretene legte einen Belegschein auf den Tresen. "Ich möchte diese Bilder abholen, Mister."

"Für welchen Namen?"

"Mister Steve Tierney!"

Der Untersetzte nahm das kleine Stück Papier, warf einen prüfenden Blick darauf und meinte dann: "Sie sind nicht Mister Tierney! Ich kenne ihn seit Jahren, er ist einer meiner Stammkunden."

"Und wenn schon", sagte der Fremde. "Ich habe den Beleg. Das dürfte doch genügen, oder?"

Der Fotohändler schüttelte den Kopf. "Nein, für mich nicht."

"Hören Sie..." Das Bleichgesicht beugte sich etwas über den Tresen, dabei ging sein Blick seitwärts. Eine Frau stand an einem Ständer mit Fotoalben und war darin vertieft, sich eines davon auszusuchen. "Ich arbeite in Mister Tierneys Auftrag!"

"Reden Sie keinen Unfug!"

"Das ist kein Unfug!"

"Mister Tierney hat mich ausdrücklich angewiesen, alle Fotos, die er zu mir gibt und entwickeln lässt, nur ihm persönlich auszuhändigen. Und daran halte ich mich! Kapiert? Wie Sie an den Beleg kommen, ist mir im übrigen auch ziemlich schleierhaft, wenn ich ehrlich sein soll!"

Jetzt kam die Frau mit einem der Alben und bezahlte es. Indessen stand das Bleichgesicht ziemlich unruhig da. Der Muskel unter dem linken Auge zuckte. Der Kerl wartete, bis die Frau weg war. Zeugen konnte er nicht gebrauchen.

"Was wollen Sie eigentlich noch, Mister?", maulte der Geschäftsmann ziemlich ungehalten, als die Frau den Laden verlassen hatte. "Ich habe doch gesagt, dass ich Ihnen nicht helfen kann!" Dann sah er die Pistole in der Hand des Bleichgesichts, dessen Mund sich ein wenig verzog.

"Wirklich nicht?", meinte er sehr leise und sehr bedrohlich.

Der Fotohändler schluckte und begann plötzlich zu schwitzen.

"Ich weiß nicht, ob Sie wissen, was Sie da tun...", murmelte er dann, offenkundig, um Zeit zu gewinnen. Dem Bleichgesicht entging die kaum merkliche Wanderung keineswegs, die sein Gegenüber mit der Linken ausführte.

Ein Alarmknopf, eine Waffe, irgendetwas in der Art, so war zu vermuten.

"Die Hände nach oben!"

Der Händler gehorchte nicht. Seine Hand wanderte nur um so schneller an der Kante des Tresens nach links.

Der abgedämpfte Schuss kam leise und tödlich.

Zweimal feuerte das Bleichgesicht. Der Fotohändler wurde zurückgerissen. Er versuchte noch, sich an den Regalen festzuhalten, die sich hinter dem Tresen befanden und fegte dabei einige Kameras herunter, ehe er selbst zu Boden rutschte. Er saß reglos und mit starren Augen da und war ohne Zweifel mausetot.

Der Mörder sah kurz zur Eingangstür des Ladens hinüber. Aber es schien, als hätte er einen günstigen Zeitpunkt für seine Tat erwischt. Es war niemand zu sehen. Er steckte die Waffe beiseite und ging dann auf die Seite des Tresens. Um an die Bilder heranzukommen, die aus dem Großlabor eingetroffen waren, musste er über die Leiche steigen und trat dabei in die Blutlache, die sich indessen gebildet hatte.

Der Killer brauchte nur unter TIERNEY nachzuschauen und dann hatte er schon, was er suchte: Steve Tierneys wahrscheinlich letzten Film samt Negativen. Er verzichtete darauf, den Inhalt des kleinen Tütchens zu überprüfen, denn er durfte jetzt keine Zeit verlieren.

Mit schnellen, entschlossenen Schritten lief er ins Freie. Einen Augenblick später saß er schon am Steuer seines Porsches, ließ den Motor aufheulen und trat kräftig auf das Gas.

Dieser Job war erledigt! Alles, was irgendwie gefährlich werden konnte, war jetzt in sicheren Händen!

Blieb nur ein Problem, das noch einer Lösung bedurfte.

Das Problem hieß Bount Reiniger.

10

Als Bount seinen champagnerfarbenen Mercedes 500 SL auf den Bürgersteig parkte, ahnte er schon, dass vielleicht jemand anderes schneller als er gewesen war.

Sein Ziel war der Fotoladen an der Ecke. Tierneys Kameraquittung war dort ausgestellt worden und da der Detektiv kein eigenes Labor hatte, musste er seine Bilder irgendwo entwickeln lassen. Vielleicht war dies die richtige Adresse.

Aber vor dem Laden war schon eine mittlere Menschentraube. Etwas war dort geschehen und es konnte noch nicht allzu viel Zeit vergangen sein. Die Polizei war noch nicht am Ort des Geschehens.

Bount kam näher und sah die Blutspuren auf dem Bürgersteig.

Er drängte sich durch die Leute hindurch und stand wenig später im Laden und dann war ihm klar, was geschehen sein musste.

"Hat schon jemand die Polizei gerufen?", rief Bount in das allgemeine Gemurmel hinein. Es meldete sich niemand. Einige schauten weg. Die meisten wollten mit der Sache einfach nichts zu tun haben.

Bount sah, dass der Mann hinter dem Tresen tot war. Der Privatdetektiv ging zum Telefon, nahm den Hörer ab und rief Rogers’ Nummer an.

Dann sah er sich ein bisschen um. Die Kasse hatte der Täter nicht angerührt, statt dessen aber in den noch nicht abgeholten Fotos herumgewühlt.

Bount sah die Blutspuren auf dem Boden. "Nichts anrühren! Und gehen Sie ein Stück zurück!", wies er die Leute an.

"Ich habe den Kerl gesehen!", meinte eine Frau.

Bount wurde hellhörig.

"Erzählen Sie!"

Die Frau war Mitte vierzig und ziemlich aufgeregt. Sie hatte sich erst vor wenigen Sekunden durch die Umstehenden gedrängt und war ziemlich blass, seit sie die Leiche des Fotohändlers gesehen hatte.

"Ich habe hier ein Fotoalbum gekauft und bin dann gegangen. Am Tresen stand ein Mann. Sehr schlank und ganz bleich im Gesicht. Er hatte irgendwie eine ungesunde Gesichtsfarbe. Ich habe nicht verstanden, worum es ging, aber er hat sich mit dem armen Mister Grey ziemlich gehabt..." Sie schluckte. "Er ist es gewesen, Sie müssen mir glauben!" Sie sah Bount beschwörend an.

Bount blieb gelassen.

"Woher wollen Sie das wissen?", fragte er.

"Habe ich das nicht gesagt?" Sie fuhr sich nervös durch die Haare. "Ich bin noch einmal zurückgekommen, weil ich meine Tasche vergessen hatte." Sie deutete zu dem Ständer mit den Fotoalben. "Sehen Sie, da steht Sie ja! Als ich um die Ecke kam, sah ich, wie dieser Mann aus dem Laden lief. Er lief ziemlich schnell und stieg dann in seinen Wagen."

"Was für ein Wagen?"

"Ein Porsche."

Bount pfiff durch die Zähne. "Die Nummer haben Sie nicht zufällig?"

"Nein, Sir! Ich war viel zu aufgeregt."

"Verstehe."

Irgendwo im Hintergrund war jetzt die Sirene eines Streifenwagens zu hören und wurde rasch lauter.

11

Am späten Nachmittag tauchte Toby Rogers bei Bount und June in der Agentur auf.

"Was gibt's, Toby? Ausnahmsweise mal ein reiner Freundschaftsbesuch?", fragte June keck, obwohl sie sich an zwei Fingern ausrechnen konnte, dass es nicht so war.

Toby Rogers grinste über das ganze, breite Gesicht, von einem Ohr bis zum anderen. Für Bount hieß das, dass es irgendeine Spur gab.

"Ich habe mich um die Autonummer dieses Porsche gekümmert!", machte er mit großspuriger Geste. "Er gehört einem gewissen Clint Leonard. Und der ist beileibe kein unbeschriebenes Blatt! Einbruch, Körperverletzung und ein paar andere Kleinigkeiten stehen bei ihm auf dem Konto. Mit Rauschgift hat er es auch mal versucht, aber die etablierten Herren in der Branche haben ihm so gewaltig in die Suppe gespuckt, dass er den Appetit daran verloren hat."

"Und was macht er heute so?"

Toby Rogers prustete und zuckte mit den Schultern. "Er ist nicht mehr aufgefallen. Bei jemandem wie Leonard ist das allerdings nur ein Zeichen dafür, dass er geschickter geworden ist... Aber wenn er in der Sache drinhängt, dann wohl als Handlanger."

"Was ist mit dem Fotohändler? Ist er mit derselben Waffe getötet worden wie Tierney?"

"Der Bericht steht noch aus, Bount. Und vor morgen Mittag rechne ich auch nicht damit. Aber was hältst du davon, wenn wir Leonard mal einen Besuch abstatten?"

"Freiwillig wird er uns nichts über seine Hintermänner sagen!"

"Ich kann ihn festnehmen, Bount!" Er holte ein Stück Papier aus der Jackentasche und hielt es dem Privatdetektiv hin.

"Ein Haftbefehl?"

"Ja. Nachdem diese Frau aus dem Laden Leonard in unserer Kartei wiedererkannt hatte, war das kein Problem mehr. Und wenn er erst einmal im Loch sitzt, wird er sich schon überlegen, ob er wirklich alles allein auf sich nehmen will!" Rogers klopfte Bount auf die Schulter. "Ich dachte, du wärst vielleicht gerne dabei!"

12

Clint Leonard bewohnte ein Apartment in attraktiver Lage. Das hieß, dass seine Geschäfte - was immer darunter auch zu verstehen war - ganz gut laufen mussten. Sie waren zu viert, als sie dort auftauchten: Außer Bount und Rogers noch zwei Detectives.

"Bin wirklich mal gespannt, was der Kerl uns zu sagen hat!", meinte Rogers, während er die Klingel an der Apartmenttür drückte. Seine Rechte wanderte dabei in Richtung des 38er Special, die er unter dem Jackett bei sich trug.

Man konnte nie wissen.

Wenn Leonard wirklich der Mann war, den sie suchten, dann hatten sie es mit jemandem zu tun, der seine Waffe schnell und sicher zu gebrauchen wusste. Und vor allem nicht lange fackelte, ehe er den Abzug betätigte!

Auf das Klingeln reagierte niemand.

"Aufmachen! Polizei!", dröhnte Rogers. Bount hatte die Automatik schon in der Hand.

Zwei, drei Sekunden verrannen.

Und dann ging die Tür schließlich doch noch auf. Eine junge, gutaussehende Frau im Bademantel und mit nassen Haaren öffnete die Tür einen Spalt, löste aber noch nicht die Kette.

"Was wollen Sie?"